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eröffnungsrede
Rede von Hanne Vollmer anläßlich der Vernissage der Ausstellung "Faszination Farbe" im Bildungshaus Schmerlenbach (1999):

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

heute darf ich Ihnen die Malerin Doris Rammoser vorstellen.
Sie wurde 1948 in Aschaffenburg geboren und wuchs als Kind malender Eltern heran. Ihre Heirat 1976 und die Geburt ihrer beiden Söhne bestimmten ihren Lebensweg entscheidend, denn von dieser verständnissvollen Familie hinterfangen, lebt und arbeitet Frau Rammoser heute in Aschaffenburg-Strietwald im Blauen Haus.
Mit dem gleichen großen Einsatz, der ihr Privatleben bestimmt, trieb sie auch ihre malerische und bildhauerische Ausbildung voran, und zwar bei international bekannten Künstlern wie Kerkovius, Mayer, Dering, Brown...
Seit 1983 besuchte sie die Städelschule Frankfurt bei Dr. Brown, pflegt eine rege Ausstellungstätigkeit und macht Studienreisen nach Dänemark, England, Frankreich, Italien und Griechenland.
Von 1989 an widmet sie sich dem Fernstudium "Moderne Kunst" an der Uni Tübingen. Bald folgte die Lehrtätigkeit an der VHS Aschaffenburg für Malerei und keramisches Gestalten. Ihre Arbeiten finden sich in privaten und öffentlichen Sammlungen.
Aus dieser knappen Lebensbeschreibung wächst uns das Bild einer Frau zu, die ihre selbstgewählten Ziele kontinuierlich verfolgt und bei der Leben und Kunst einander durchdringen.
Dazu gehören z. B. auch eigene Tanzerfahrungen im Ballett. Diese schlagen sich in einigen Bildern zum Thema Tanz nieder. Beim Bild "Tanz in den Wolken" gleiten die Tänzer, losgelöst von aller Schwere vor einem tiefblauen Himmel dahin - oder sind sie selbst schon Wolken geworden? Von glasiger Transparenz hingegen ist die Kufenspur des Schlittschuhlaufenden, also auch eines Tanzenden. Wird im ersten Bild der Blick von der Erde zum Himmel geführt, stehen wir jetzt bei diesem, mit dem Titel "Jenseits der Stille" betrachtend unter der Eisfläche.
Solch ungewöhnliche Standorte wählt Frau Rammoser immer wieder als Blickpunkte ins Bild hinein.
Beim Zyklus "Musik" sind es Fragmente von Musikinstrumenten, die die Bildkomposition bestimmen. Klare Farbtöne vermitteln die erzeugten Klangwelten. Das Themenbild der Einladung "Lichtspuren" führt das Licht über die Verkantung von Flächen in die Bildtiefe. Irisierend schimmern die Ränder der Farbflächen auf, ähnlich wie bei geschliffenen Spiegeln.
Im zweiten Flügel des Kreuzganges treffen wir auf eine ganze Reihe stark abstrahierter Werke und die Titel geben eine Vorstellung davon, warum die Malerin hier gegenstandsfrei gearbeitet hat. Begriffliches oder psychologische Anliegen gewinnen so mehr Gestaltungsspielraum. Da heißen Gemälde z. B.: Versprechen, Herzflimmern, Dynamik I und II, Lichtbogen, Zerborsten oder Komposition Nr. 60. Solche Aussagen gewinnen Gestalt durch die Arbeitsspuren im intensiven blauen oder roten Farbgrund. Schabend und kratzend werden tieferliegende Schichten wieder freigelegt - farbliche Einsprengsel oder collagierte Partien als Verdichtung bestimmen das Bildgeschehen.
Dabei wird auch klar, daß es einen Unterschied macht, ob die Künstlerin Ölfarbe oder Acryl wählt. Die langsam trocknende Ölfarbe erlaubt noch nach Tagen solche Eingriffe, während die raschtrocknende Acrylfarbe das ideale Ausdrucksmittel für spontanes gestisches Malen ist.
Bei der starken Reaktion der Malerin auf das Licht ist es nicht verwunderlich, daß ihre Erlebnisse von Landschaften auf den Studienreisen ins Bild drängen. Eine ganze Bildfolge hat eine Mallorcareise hervorgerufen. Wer jetzt aber glaubt, auf die Darstellung von Meer und Strand zu treffen, sieht sich getäuscht. So oberflächlich verlaufen im Hause Rammoser die Begegnungen mit der Natur nicht. Wir tauchen abermals ins Wasser ein und treffen auf eine Identifikationsfigur für ungewöhnliches Verhalten in der Natur - "Das Seepferdchen". Hier ist die Stille der Unterwasserwelt in vielen Blauschichtungen dargestellt. Frau Rammoser ist dem Thema weiter nachgegangen, hat sich kundig gemacht und das seltsame Brutverhalten dieser Tiere mit dem Bild "Vaterglück" veranschaulicht, trägt doch bei dieser Spezies das Männchen die ihm vom Weibchen übergebenen Eier aus und übernimmt die Brutpflege.
Das ungewöhnliche Verhalten der Menschen hingegen findet Ausdruck in den Bildern "Treffpunkt Straßencafé" und "Einsamkeit". Hier zeigt Frau Rammoser auf, wie und daß Touristensilos das ökologische Gleichgewicht der Insel bedrohen. Sie verstellen den Horizont, provozieren Einsamkeit trotz scheinbarer, aber nur äußerlicher Nähe der Menschen untereinander. Gearbeitet in Spachteltechnik - collagiert - grellfarbig. Und ganz klein das Seepferdchen - nur noch ein Erinnern? - Und noch ein Erlebnis hielt die Insel für Doris Rammoser parat, nämlich die Begegnung mit der exzentrischen Malerin Elvira Bach. Aus der Dingwelt jener Malerin drängen markante Zeichen, wie der Stöckelschuh und der Turban ins Bild.
Reisen und Erfahrungen bedingen einander, wie das Wort schon zu erkennen gibt. Aber nicht immer sind sie so dramatisch. Warmtonig und in gebrochenen Farben erzählt die Künstlerin uns vom Süden auf zwei Bildern (groß und klein) im Rautenformat. Wasser und Himmel und gliedernd dazwischen die Spuren der Menschen, der Surfer und Segler sind hier eingebracht.
Das ist die Gelegenheit, Ihren Blick als Betrachter auf die jeweils gewählten Formate zu lenken. Sie werden nicht willkürlich gewählt. Hier zum Beispiel erinnert die Raute an Segel und Surfschild - Landschaftsschilderungen entfalten sich im breit hingelegten Querformat, manchmal voller Dramatik, wie beim Bild "Gewitter über dem Watt": der Sturm, den die Malerin auf Amrum erlebte, wird spürbar in den Farbbündelungen von Orange vor Blauviolett und den dynamischen peitschenden Linien. Wie alle Gestaltungsmittel zum Bildganzen zusammenfließen, zeigt auch die Dreiergruppe der "Dänischen Impressionen", "Vor dem Deich" und "Durchzug".
Jedes der Bilder ist in sich wieder aus drei Bildtafeln zusammengefügt - in ruhigem Blau die beiden äußeren Flächen und Struktur und Farbigkeit der Wattlandschaft zitierend, die zentrale Tafel. Bilder, die zum Verweilen und Meditieren einladen.
Dem Farbthema - von Blau zu Grün können sie auch noch auf eine andere Art nachgehen - und zwar im Kreuzgangsgarten. Hier sind blaue Keramikkugeln ins grüne Gras gerollt in loser - absichtsfreier Gruppierung. Damit sind wir beim plastischen Schaffen von Doris Rammoser angelangt.
Den Übergang von der Fläche zum Körper können wir in den Frauentorsi nachvollziehen. Die gebogenen Keramikplatten tragen und sind Frauenkörper, markiert durch Umrißlinie und Glasur. Unterschiedliche Tonarten, verschiedene Glasuren und Brenntemperaturen geben jedem ein eigenes Charakteristikum.
Ja, und dann sind da noch die Fundstücke, auf langen Wanderungen entdeckt, mit nach Hause genommen und lange betrachtet, bis sich eine malerische Antwort auf die vorgefundenen Formen und Farben der Natur findet. Es sind zwei Arbeiten von ganz eigenem Reiz, dieser "Meeresjanus" und der "Ast mit der Palette".
Abschließend will ich Sie noch hinweisen auf zwei kleine Bilder, in denen Doris Rammoser uns ihren künstlerischen Weg von der malerischen Gegenstandsdarstellung hin zur Abstraktion einsichtig macht. Es ist eine kleine Tänzerin, die auf ihren Auftritt wartet - einmal noch als solche erkennbar und im zweiten Bild nur noch im atmosphärischen Farbspiel und der freien Übernahme der Flächen zu erahnen. Geben Sie Ihren Augen die Freiheit, der Verwandlung zu folgen ... Der große Maler des Abstrakten, Willi Baumeister, schreibt in seinem Buch "Über das Unbekannte in der Kunst" - bei der Betrachtung der Bildfuge - folgendes: Die heutige Kunst hat eine spezielle Art herausgebildet, die allein aus den Eigenwerten von Form und Farbe - ihren Beziehungen und Kontrasten sich bildet. (Kandinsky - Mondrian). Ohne jegliche Gegenständlichkeit und Erinnerungsform an Naturerscheinungen - wird sie völlig zur Bildfuge. Sie will zum Erlebnis werden - allein aus dem, was die Mittel hergeben. Von seinem tieferliegenden Standort aus durchwächst das Unerklärbare die Bildschichten gleichsam nach oben hin. Der Gewinn aus der Schau ist das Erleben der Elemantarwerte der Farben und Formen. Die Empfindungen, die diese Betrachtungsweise auslöst, gehen von den gestaltungsgebenden Kräften aus, - soweit Willi Baumeister.

Die Malerin hat ihr Werk vor uns ausgebreitet: jetzt ist es an uns, uns ihm zu öffnen. Dabei wird uns der Tanz zum richtigen Schauen verhelfen - absichtsfrei und offen.

Danke.

© carsten rammoser 2011nach oben