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Meine sehr geehrten Damen und Herren,
heute darf ich Ihnen die Malerin Doris Rammoser vorstellen.
Sie wurde 1948 in Aschaffenburg geboren und wuchs als Kind
malender Eltern heran. Ihre Heirat 1976 und die Geburt ihrer
beiden Söhne bestimmten ihren Lebensweg entscheidend, denn
von dieser verständnissvollen Familie hinterfangen, lebt
und arbeitet Frau Rammoser heute in Aschaffenburg-Strietwald
im Blauen Haus.
Mit dem gleichen großen Einsatz, der ihr Privatleben bestimmt,
trieb sie auch ihre malerische und bildhauerische Ausbildung
voran, und zwar bei international bekannten Künstlern wie
Kerkovius, Mayer, Dering, Brown...
Seit 1983 besuchte sie die Städelschule Frankfurt bei Dr.
Brown, pflegt eine rege Ausstellungstätigkeit und macht
Studienreisen nach Dänemark, England, Frankreich, Italien
und Griechenland.
Von 1989 an widmet sie sich dem Fernstudium "Moderne Kunst"
an der Uni Tübingen. Bald folgte die Lehrtätigkeit an der
VHS Aschaffenburg für Malerei und keramisches Gestalten.
Ihre Arbeiten finden sich in privaten und öffentlichen Sammlungen.
Aus dieser knappen Lebensbeschreibung wächst uns das Bild
einer Frau zu, die ihre selbstgewählten Ziele kontinuierlich
verfolgt und bei der Leben und Kunst einander durchdringen.
Dazu gehören z. B. auch eigene Tanzerfahrungen im Ballett.
Diese schlagen sich in einigen Bildern zum Thema Tanz nieder.
Beim Bild "Tanz in den Wolken" gleiten die Tänzer, losgelöst
von aller Schwere vor einem tiefblauen Himmel dahin - oder
sind sie selbst schon Wolken geworden? Von glasiger Transparenz
hingegen ist die Kufenspur des Schlittschuhlaufenden, also
auch eines Tanzenden. Wird im ersten Bild der Blick von
der Erde zum Himmel geführt, stehen wir jetzt bei diesem,
mit dem Titel "Jenseits der Stille" betrachtend unter der
Eisfläche.
Solch ungewöhnliche Standorte wählt Frau Rammoser immer
wieder als Blickpunkte ins Bild hinein.
Beim Zyklus "Musik" sind es Fragmente von Musikinstrumenten,
die die Bildkomposition bestimmen. Klare Farbtöne vermitteln
die erzeugten Klangwelten. Das Themenbild der Einladung
"Lichtspuren" führt das Licht über die Verkantung von Flächen
in die Bildtiefe. Irisierend schimmern die Ränder der Farbflächen
auf, ähnlich wie bei geschliffenen Spiegeln.
Im zweiten Flügel des Kreuzganges treffen wir auf eine ganze
Reihe stark abstrahierter Werke und die Titel geben eine
Vorstellung davon, warum die Malerin hier gegenstandsfrei
gearbeitet hat. Begriffliches oder psychologische Anliegen
gewinnen so mehr Gestaltungsspielraum. Da heißen Gemälde
z. B.: Versprechen, Herzflimmern, Dynamik I und II, Lichtbogen,
Zerborsten oder Komposition Nr. 60. Solche Aussagen gewinnen
Gestalt durch die Arbeitsspuren im intensiven blauen oder
roten Farbgrund. Schabend und kratzend werden tieferliegende
Schichten wieder freigelegt - farbliche Einsprengsel oder
collagierte Partien als Verdichtung bestimmen das Bildgeschehen.
Dabei wird auch klar, daß es einen Unterschied macht, ob
die Künstlerin Ölfarbe oder Acryl wählt. Die langsam trocknende
Ölfarbe erlaubt noch nach Tagen solche Eingriffe, während
die raschtrocknende Acrylfarbe das ideale Ausdrucksmittel
für spontanes gestisches Malen ist.
Bei der starken Reaktion der Malerin auf das Licht ist es
nicht verwunderlich, daß ihre Erlebnisse von Landschaften
auf den Studienreisen ins Bild drängen. Eine ganze Bildfolge
hat eine Mallorcareise hervorgerufen. Wer jetzt aber glaubt,
auf die Darstellung von Meer und Strand zu treffen, sieht
sich getäuscht. So oberflächlich verlaufen im Hause Rammoser
die Begegnungen mit der Natur nicht. Wir tauchen abermals
ins Wasser ein und treffen auf eine Identifikationsfigur
für ungewöhnliches Verhalten in der Natur - "Das Seepferdchen".
Hier ist die Stille der Unterwasserwelt in vielen Blauschichtungen
dargestellt. Frau Rammoser ist dem Thema weiter nachgegangen,
hat sich kundig gemacht und das seltsame Brutverhalten dieser
Tiere mit dem Bild "Vaterglück" veranschaulicht, trägt doch
bei dieser Spezies das Männchen die ihm vom Weibchen übergebenen
Eier aus und übernimmt die Brutpflege.
Das ungewöhnliche Verhalten der Menschen hingegen findet
Ausdruck in den Bildern "Treffpunkt Straßencafé" und "Einsamkeit".
Hier zeigt Frau Rammoser auf, wie und daß Touristensilos
das ökologische Gleichgewicht der Insel bedrohen. Sie verstellen
den Horizont, provozieren Einsamkeit trotz scheinbarer,
aber nur äußerlicher Nähe der Menschen untereinander. Gearbeitet
in Spachteltechnik - collagiert - grellfarbig. Und ganz
klein das Seepferdchen - nur noch ein Erinnern? - Und noch
ein Erlebnis hielt die Insel für Doris Rammoser parat, nämlich
die Begegnung mit der exzentrischen Malerin Elvira Bach.
Aus der Dingwelt jener Malerin drängen markante Zeichen,
wie der Stöckelschuh und der Turban ins Bild.
Reisen und Erfahrungen bedingen einander, wie das Wort schon
zu erkennen gibt. Aber nicht immer sind sie so dramatisch.
Warmtonig und in gebrochenen Farben erzählt die Künstlerin
uns vom Süden auf zwei Bildern (groß und klein) im Rautenformat.
Wasser und Himmel und gliedernd dazwischen die Spuren der
Menschen, der Surfer und Segler sind hier eingebracht.
Das ist die Gelegenheit, Ihren Blick als Betrachter auf
die jeweils gewählten Formate zu lenken. Sie werden nicht
willkürlich gewählt. Hier zum Beispiel erinnert die Raute
an Segel und Surfschild - Landschaftsschilderungen entfalten
sich im breit hingelegten Querformat, manchmal voller Dramatik,
wie beim Bild "Gewitter über dem Watt": der Sturm, den die
Malerin auf Amrum erlebte, wird spürbar in den Farbbündelungen
von Orange vor Blauviolett und den dynamischen peitschenden
Linien. Wie alle Gestaltungsmittel zum Bildganzen zusammenfließen,
zeigt auch die Dreiergruppe der "Dänischen Impressionen",
"Vor dem Deich" und "Durchzug".
Jedes der Bilder ist in sich wieder aus drei Bildtafeln
zusammengefügt - in ruhigem Blau die beiden äußeren Flächen
und Struktur und Farbigkeit der Wattlandschaft zitierend,
die zentrale Tafel. Bilder, die zum Verweilen und Meditieren
einladen.
Dem Farbthema - von Blau zu Grün können sie auch noch auf
eine andere Art nachgehen - und zwar im Kreuzgangsgarten.
Hier sind blaue Keramikkugeln ins grüne Gras gerollt in
loser - absichtsfreier Gruppierung. Damit sind wir beim
plastischen Schaffen von Doris Rammoser angelangt.
Den Übergang von der Fläche zum Körper können wir in den
Frauentorsi nachvollziehen. Die gebogenen Keramikplatten
tragen und sind Frauenkörper, markiert durch Umrißlinie
und Glasur. Unterschiedliche Tonarten, verschiedene Glasuren
und Brenntemperaturen geben jedem ein eigenes Charakteristikum.
Ja, und dann sind da noch die Fundstücke, auf langen Wanderungen
entdeckt, mit nach Hause genommen und lange betrachtet,
bis sich eine malerische Antwort auf die vorgefundenen Formen
und Farben der Natur findet. Es sind zwei Arbeiten von ganz
eigenem Reiz, dieser "Meeresjanus" und der "Ast mit der
Palette".
Abschließend will ich Sie noch hinweisen auf zwei kleine
Bilder, in denen Doris Rammoser uns ihren künstlerischen
Weg von der malerischen Gegenstandsdarstellung hin zur Abstraktion
einsichtig macht. Es ist eine kleine Tänzerin, die auf ihren
Auftritt wartet - einmal noch als solche erkennbar und im
zweiten Bild nur noch im atmosphärischen Farbspiel und der
freien Übernahme der Flächen zu erahnen. Geben Sie Ihren
Augen die Freiheit, der Verwandlung zu folgen ... Der große
Maler des Abstrakten, Willi Baumeister, schreibt in seinem
Buch "Über das Unbekannte in der Kunst" - bei der Betrachtung
der Bildfuge - folgendes: Die heutige Kunst hat eine spezielle
Art herausgebildet, die allein aus den Eigenwerten von Form
und Farbe - ihren Beziehungen und Kontrasten sich bildet.
(Kandinsky - Mondrian). Ohne jegliche Gegenständlichkeit
und Erinnerungsform an Naturerscheinungen - wird sie völlig
zur Bildfuge. Sie will zum Erlebnis werden - allein aus
dem, was die Mittel hergeben. Von seinem tieferliegenden
Standort aus durchwächst das Unerklärbare die Bildschichten
gleichsam nach oben hin. Der Gewinn aus der Schau ist das
Erleben der Elemantarwerte der Farben und Formen. Die Empfindungen,
die diese Betrachtungsweise auslöst, gehen von den gestaltungsgebenden
Kräften aus, - soweit Willi Baumeister.
Die Malerin hat ihr Werk vor uns ausgebreitet: jetzt ist
es an uns, uns ihm zu öffnen. Dabei wird uns der Tanz zum
richtigen Schauen verhelfen - absichtsfrei und offen.
Danke.
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